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Die n+1-Regel eines Entwicklers – Warum jedes Fahrrad sein Recht hat

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Fünf Fahrräder – die n+1-Regel

~12 Min. Lesezeit · Veröffentlicht am

Das Wichtigste vorab: Die n+1-Regel besagt: Die richtige Anzahl an Fahrrädern ist n+1, wobei n die Anzahl der aktuell besessenen Bikes ist. Oder alternativ: s-1, wobei s die Anzahl ist, bei der dein Partner dich verlässt. Dieser Artikel erklärt warum fünf Bikes logisch sind – und warum trotzdem eines fehlt.

Fünf Fahrräder im Keller. Jedes mit Rechtfertigung, jedes mit klarem Einsatzgebiet, jedes wird genutzt. Und trotzdem – wenn die Frage kommt: „Brauchst du wirklich noch ein weiteres?" – ist die Antwort: Absolut.

Als Entwickler kennt man das Prinzip: Ein Tool für jeden Job. Man könnte theoretisch alles mit vim machen. Oder mit VS Code. Oder mit Notepad. Aber macht man nicht. Weil Spezialisierung effizienter ist als Kompromiss. Bei Bikes ist das genauso – nur dass hier noch mehr Selbstbetrug im Spiel ist.

5 Fahrräder
~12.100 km/Jahr
2 mit Riemen
1 fehlt noch

Die n+1-Regel: Von Radsport zu Code (und zurück)

Die n+1-Regel stammt aus dem Radsport und ist halb Witz, halb Lebensphilosophie: Die richtige Anzahl Fahrräder ist immer n+1 (wobei n = aktuelle Anzahl). Die Alternative: s-1, wobei s die Anzahl ist, bei der der Partner geht.

Aber eigentlich kennen wir das aus der Entwicklung schon lange:

Das Pattern ist identisch: Spezialisierung schlägt Allzweck-Lösungen. Man könnte alles mit einem Gravel machen. Geht. Aber es ist nicht optimal. Genau wie man alles in JavaScript machen könnte – geht, aber...

Die Flotte: 5 Bikes, ~12.100 km/Jahr, unterschiedliche Missionen

Hier die ehrliche Bestandsaufnahme – mit realen Kilometerzahlen, tatsächlichem Einsatzgebiet und dem, was ich mir vorher eingeredet habe.

1. Müller Riese Load4 60 – Das Arbeitspferd

  • Setup: Riemenantrieb, Enviolo Nabenschaltung, Offroad-Kit
  • Nutzung: ~4.500 km/Jahr
  • Einsatzgebiet: Pendeln ins Büro, Einkaufen, Hundetransport
  • Gewicht: Egal, es ist ein Lastenrad

Die offizielle Rechtfertigung: „Für den Hund. Und Getränkekästen. Und manchmal Baumarkt."

Die Wahrheit: Der Hund kommt mit ins Büro. Immer. Also ist das Lastenrad das tägliche Pendler-Bike. 14 km einfach, bei Wind, Regen, -10°C. Das Riemen-Setup war die beste Entscheidung – kein Kettenöl, keine Wartung, einfach fahren. Die Enviolo-Nabenschaltung ist smooth, aber schwer. Aber bei einem Lastenrad ist Gewicht eh relativ.

Das Überraschende: Es macht tatsächlich Spaß. Mehr als erwartet. Das Ding fährt sich solide, liegt satt auf der Straße, und der Hund genießt die Fahrt mehr als ich. An Ampeln bekommt man Komplimente. Von anderen Radfahrern. Das zählt.

Code-Analogie: Der Monolith. Nicht sexy, nicht fancy, aber er macht jeden Tag seinen Job. Zuverlässig. Ohne Drama. Das Production-System, das seit 5 Jahren läuft und niemand anfasst, weil es funktioniert.

2. Rose Backroad – Der heimliche Gewinner

  • Setup: Tubeless, 2 Reifensätze (Straße/Gelände), gewachste Kette
  • Nutzung: ~5.000 km/Jahr
  • Einsatzgebiet: Freizeit, Kopf-frei-fahren, Strecke machen, Urlaub
  • Philosophie: Ein Bike für alles (außer Hund)

Die offizielle Rechtfertigung: „Gravel ist vielseitig. Straße UND Gelände. Bikepacking. Abenteuer."

Die Wahrheit: Das Backroad ist mein meistgefahrenes Bike. 5.000 km im Jahr. Warum? Weil es das perfekte Allround-Bike ist. Zu langsam für Rennradfahrer, zu schnell für MTB-Strecken, genau richtig für alles dazwischen.

Das Setup: Zwei Reifensätze mit eigenen Laufrädern. Straßenreifen (28mm) für Speed, Gravel-Reifen (42mm) für Wald und Schotter. Wechsel dauert 5 Minuten. Die gewachste Kette war anfangs nervig (Wachs alle 300 km erneuern), aber mittlerweile Routine – und sie läuft sauberer und leiser als jede geölte Kette.

Warum es gewinnt: Flexibilität. Spontane Feierabendrunde? Backroad. Wochenend-Tour durchs Sauerland? Backroad. Urlaub in Schweden? Backroad kommt mit. Es ist das Bike, das ich nehme, wenn ich nicht genau weiß, was mich erwartet.

Code-Analogie: Node.js. Kann Frontend, kann Backend, kann Build-Tools, kann alles ein bisschen. Nicht das Beste in allem, aber für 80% der Use Cases absolut ausreichend. Das Werkzeug, zu dem man greift, wenn man schnell starten will.

3. Orbea Oiz – Für die Höhenmeter

  • Typ: Cross Country MTB (Full Suspension)
  • Setup: Tubeless, gewachste Kette, leicht
  • Nutzung: ~1.500 km/Jahr (aber mehr Höhenmeter als Kilometer)
  • Einsatzgebiet: Halden, Sauerland, Alpen, technische Trails

Die offizielle Rechtfertigung: „Für Trails. Für echtes Gelände. Für die Berge."

Die Wahrheit: Das Oiz ist ein Cross Country Race-Bike. Leicht (10,5 kg), schnell bergauf, präzise bergab. Es ist NICHT für grobes Enduro-Geknüppel gebaut – es ist für schnelle Runden auf flowigen Trails.

Wo es glänzt: Halden im Ruhrgebiet (künstliche Berge aus Bergbau-Zeiten), Sauerland-Trails, Alpen-Touren. Überall wo es mehr um Höhenmeter als um Kilometer geht. 1.500 km klingen wenig – aber das sind im Schnitt 50-80 Höhenmeter pro Kilometer. Das ist intensiver als 5.000 km Gravel auf flachem Terrain.

Das Problem: Im Ruhrgebiet ist es Overkill. Die meisten „Trails" hier sind Forstwege mit Wurzeln. Dafür braucht man kein Full-Suspension-MTB. Aber: Sauerland ist 45 Minuten entfernt. Alpen sind ein Wochenende entfernt. Und dann macht es jeden Cent wert.

Code-Analogie: Rust. Perfekt für das, wofür es gebaut wurde (Performance, Memory Safety, Systems Programming). Overkill für einen Blog. Aber wenn du es brauchst, willst du nichts anderes. Und du fühlst dich gut dabei, es zu besitzen – auch wenn du es nur 12% der Zeit nutzt.

4. Orbea Diem 10 – Der Pragmatiker

  • Setup: Riemenantrieb, Enviolo Automatic, E-Antrieb
  • Nutzung: ~1.500 km/Jahr
  • Einsatzgebiet: Alltag ohne Hund, schnelle Besorgungen, Schlechtwetter
  • Philosophie: Zero Maintenance. Einfach fahren.

Die offizielle Rechtfertigung: „Für Fahrten ohne Hund. Für wenn ich schnell mal zum Supermarkt muss."

Die Wahrheit: Das ist die ehrlichste Nische in der ganzen Flotte. Der Hund kommt mit ins Büro (→ Lastenrad). Freizeit-Runden fahre ich mit dem Gravel oder MTB. Wann bleibt das Diem? Wenn der Hund zu Hause bleibt. Arzttermin. Einkaufen ohne Tier. Schnell in die Stadt.

Warum es trotzdem Sinn macht: Es ist das perfekte Lazy-Bike. Riemenantrieb (keine Kette), Enviolo Automatic (schaltet von selbst), E-Antrieb (Rückenwind auf Knopfdruck). Ich steige drauf, fahre los, komme an. Kein Gedanke an Wartung, Schalten, Anstrengung.

Das Setup ist genial: Die Enviolo Automatic erkennt Trittfrequenz und Geschwindigkeit und schaltet automatisch. Du trittst, es schaltet. Das klingt nach Spielerei – ist es aber nicht. Es ist smooth. Du denkst nicht über Gänge nach. Du fährst einfach.

Code-Analogie: Vercel oder Netlify. Du schreibst Code, pusht nach Git, es deployt. Kein Server-Setup, keine Config, keine Gedanken. Es funktioniert einfach. Für 90% der Use Cases ist das perfekt – auch wenn Puristen die Nase rümpfen.

5. Fixie (Raleigh 70er-Jahre-Basis) – Das Ego-Projekt

  • Typ: Fixed Gear, Retro-Umbau
  • Setup: Sehr großes Kettenblatt, minimalistisch, unpraktisch
  • Nutzung: ~100 km/Jahr
  • Einsatzgebiet: Schönwetter-Ego-Boost

Die offizielle Rechtfertigung: „Ähm... Fahrtechnik-Training? Purismus? Reduktion aufs Wesentliche?"

Die Wahrheit: 100 Kilometer pro Jahr. Das ist weniger als manche Leute an einem Wochenende fahren. Das Fixie ist nutzlos. Objektiv. Es hat keine Bremsen (nur Rücktritt durch feststehendes Ritzel), keine Schaltung, keine Schutzbleche, kein Licht. Es ist ein Oldtimer-Rennrad aus den 70ern, umgebaut zum Fixed Gear mit überdimensioniertem Kettenblatt.

Warum ich es trotzdem fahre: Weil es Spaß macht. Auf eine komplett irrationale Art. Es ist direktes Feedback. Kette steht fest, Pedal-Input = sofortige Reaktion. Kein Freilauf, keine Gangwechsel, keine Ablenkung. Du und das Bike, synchron. Bei 30 km/h durch die Stadt, mit fixiertem Pedal-Rhythmus – das ist Flow.

Wann es rauskommt: Schönwetter. Kurze Strecken. Flaches Terrain. Wenn ich Lust auf Minimalismus habe. Das sind vielleicht 5-10 Fahrten im Jahr. Jede davon fühlt sich besonders an. Wie ein Side-Project, das man aus Spaß macht – nicht weil es produktiv ist.

Code-Analogy: Assembly oder reines C. Du könntest alles in höheren Sprachen machen – schneller, sicherer, produktiver. Aber manchmal willst du einfach nah an der Hardware sein. Oder in diesem Fall: nah am Asphalt. Keine Abstraktionen, kein Framework-Overhead. Nur du, das Problem, und die direkteste Lösung.

Die Rechnung: Wer wird wirklich genutzt?

Jetzt wird's ehrlich. Die Kilometerzahlen lügen nicht:

Zusammen: ~12.100 km/Jahr.

Zwei Bikes machen 78% der Kilometer aus. Die anderen drei teilen sich 22%. Objektiv gesehen könnte man mit Gravel + Lastenrad auskommen. Theoretisch.

Selbstbetrug-Check:

Frage: Könntest du mit 2 Bikes auskommen?
Ehrliche Antwort: Ja. Gravel + Lastenrad würden 95% abdecken.

Frage: Wirst du MTB, Commuter und Fixie loswerden?
Ehrliche Antwort: Nein. Weil die 5% Spezialfälle genau die sind, die Spaß machen.

Das fehlende sechste: E-MTB – Spaß ohne Qual

E-Mountainbike – Die rationale Lücke

Was es sein würde: Ein E-MTB. Full Suspension, ordentlich Motor (Bosch CX oder Shimano EP), Enduro-Geometrie. Trail-tauglich, aber mit elektrischem Rückenwind bergauf.

Die Rechtfertigung (die ich mir zurechtlege):

  • „Damit würde ich öfter ins Sauerland fahren" (stimmt wahrscheinlich)
  • „Mehr Abfahrten in gleicher Zeit = mehr Spaß" (definitiv wahr)
  • „Nach 8h am Schreibtisch will ich Spaß bergab, nicht Qual bergauf" (ehrlich)
  • „Mit dem Hund im Anhänger bergauf wäre das entspannter" (rationalisiert, aber möglich)

Der innere Konflikt: Ist das dann noch Sport? Oder Schummeln?

Die Entwickler-Analogie: GitHub Copilot. Oder ChatGPT für Code. Macht es die Arbeit einfacher? Absolut. Ist es trotzdem legitim? Ja. Lernst du dabei weniger? Vielleicht. Aber hast du mehr Zeit für die interessanten Probleme? Definitiv.

Warum ich es (noch) nicht habe:

  • Preis: 5.000-8.000€ für ein gutes E-MTB
  • Platz: 5 Bikes sind schon... grenzwertig
  • Prinzip: Der Puristen-Teil in mir sagt „Bergauf gehört dazu"
  • Aber: Der pragmatische Teil sagt „Du bist über 40, du musst niemandem mehr was beweisen"
Code-Analogie: Framework vs. Vanilla JS. Du KÖNNTEST alles händisch bauen. Und dabei viel lernen. Aber manchmal willst du einfach Ergebnisse sehen, nicht jeden DOM-Node von Hand manipulieren. Das E-MTB ist das Framework: Nimmt dir die nervige Arbeit ab, damit du dich auf den spaßigen Teil konzentrieren kannst.

Was das mit Code zu tun hat: Spezialisierung vs. Kompromiss

Die n+1-Regel ist überall:

Man KÖNNTE alles mit einem Tool machen. Aber:

Warum Spezialisierung gewinnt:

1. Effizienz: Das richtige Tool für den Job ist schneller als ein Kompromiss

2. Spaß: Mit dem richtigen Setup macht Arbeit mehr Spaß

3. Ergebnis: Spezialisierte Tools liefern bessere Ergebnisse

4. Weniger Frust: Kein „das geht mit diesem Tool nicht gut"

Aber: 80% der Arbeit machen trotzdem 20% der Tools. (Gravel + Lastenrad = 78% der Kilometer)

Fazit: Warum jedes Fahrrad sein Recht hat (und trotzdem eines fehlt)

Fünf Fahrräder sind objektiv zu viel. Und gleichzeitig zu wenig.

Zu viel, weil zwei Bikes 78% der Kilometer abdecken. Zu wenig, weil die fehlenden 22% genau die Momente sind, die Spaß machen: Trail-Tage im Sauerland, Fixie-Cruisen im Sommer, E-Bike-Entspannung wenn der Körper müde ist.

„Man braucht nicht 5 Fahrräder. Genausowenig wie man 3 Editoren, 4 Programmiersprachen oder 6 verschiedene CLI-Tools braucht. Aber man will sie. Weil das richtige Tool für den richtigen Moment den Unterschied macht zwischen ‚geht' und ‚macht Spaß'."

Die n+1-Regel ist keine Rationalisierung. Es ist ein Prinzip. Das richtige Werkzeug zur richtigen Zeit macht besser, schneller, mehr Spaß. Ob das Werkzeug ein Bike ist, ein Editor oder ein Framework – egal.

Und das sechste Bike? Das E-MTB kommt. Irgendwann. Wenn der Platz da ist. Oder der Preis stimmt. Oder ich aufhöre, mir einzureden, dass Bergauf-Leiden zum Sport gehört.

Bis dahin gilt: n+1. Immer.

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